Wie Stiftungen die Gedenkkultur prägen: Erinnern Ermöglichen
In Deutschland bildet die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen seit Jahrzehnten einen Kern der politischen Bildung. Gedenkstätten, Archive und Initiativen tragen dazu bei, das Wissen über die Geschichte wachzuhalten, während die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen beständig abnimmt. Diese Verschiebung verlangt nach neuen Wegen, wie das Erleben an historischen Orten für nachfolgende Generationen bedeutsam bleiben kann.
Stiftungen spielen in diesem Wandel eine wesentliche Rolle. Sie bündeln private und öffentliche Mittel, schaffen verlässliche Rahmenbedingungen für Bildungsreisen und ermöglichen Begegnungen, die im schulischen Alltag allein oft nicht zu verwirklichen wären. Besonders Fahrten zu den ehemaligen NS-Täterorten in Polen, aber auch zu Mahnmalen und Museen im Inland, gewinnen an Bedeutung, wenn authentische Begegnung durch sorgfältig vorbereitete Programme ergänzt wird.
Die Stiftung Erinnern Ermöglichen hat sich genau dieser Aufgabe verschrieben. Seit 2010 unterstützt sie Schulen und Jugendgruppen dabei, Gedenkstättenfahrten zu planen, finanziell zu tragen und pädagogisch einzubetten. Die Anfänge liegen in der Bethe-Stiftung, mit maßgeblicher Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen – ein Signal dafür, dass Erinnerungspolitik als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird.
Wer sich einen ersten Überblick über Angebote, Fördermodalitäten und aktuelle Termine verschaffen möchte, findet auf der Webseite der Stiftung ausführliche Hinweise zu Förderlinien und Anlaufstellen. Die Materialien richten sich gleichermaßen an Lehrkräfte wie an außerschulische Träger der Jugend- und Erwachsenenbildung.
Gründung im Kontext der Bethe-Stiftung
Die Stiftung Erinnern Ermöglichen entstand aus dem langjährigen Engagement der Bethe-Stiftung, die in Nordrhein-Westfalen bereits verschiedene bildungsorientierte Projekte begleitet hatte. Mit Unterstützung der Landesregierung wurde ein gemeinnütziger Träger geschaffen, der sich ausschließlich auf die Förderung von Gedenkfahrten konzentriert. Diese Schwerpunktsetzung erlaubt eine fachliche Tiefe, die allgemeine Fördervereine nur selten erreichen.
Der Auftrag umfasst sowohl finanzielle Bezuschussung als auch inhaltliche Begleitung. Lehrkräfte können sich bei der Konzeption ebenso beraten lassen wie bei der Auswahl geeigneter Erinnerungsorte. Dadurch entsteht ein verlässliches Netzwerk, das weit über die Dauer einzelner Projekte hinaus Bestand hat.
Förderung von Fahrten zu Gedenkstätten
Im Zentrum der Stiftungsarbeit steht die finanzielle Unterstützung von Bildungsreisen an historische Orte der Verfolgung und Ermordung. Besonders Fahrten nach Polen, etwa nach Auschwitz-Birkenau, Sobibor oder Majdanek, gehören zum Kern des Programms. Doch auch Besuche in deutschen Gedenkstätten wie Bergen-Belsen oder Buchenwald werden gefördert, wenn sie inhaltlich sorgfältig vorbereitet sind.
Die Förderung deckt dabei mehrere Kostenbereiche ab:
- Reisekosten für Busse, Bahnen oder erforderliche Sondertransporte
- Übernachtungen in Bildungsstätten oder Jugendherbergen vor Ort
- Eintrittsgelder sowie Honorare für Gästeführungen und Zeitzeugengespräche
- Pädagogische Begleitmaterialien und Vorbereitungsseminare
Diese breite Streuung ermöglicht es auch Schulen mit begrenztem Budget, qualitativ hochwertige Fahrten durchzuführen.
Pädagogische Materialien und Vorbereitung
Eine Gedenkstättenfahrt entfaltet ihre Wirkung nur, wenn sie im Unterricht vor- und nachbereitet wird. Die Stiftung stellt dafür didaktische Handreichungen bereit, die historische Kontexte ebenso thematisieren wie die emotionalen Herausforderungen für die Teilnehmenden. Lehrkräfte finden Unterrichtseinheiten, die sich in gängige Rahmenlehrpläne einfügen lassen.
Ergänzend werden Fortbildungen angeboten, in denen Pädagoginnen und Pädagogen den Umgang mit Zeitzeugenberichten, Fotografien und dokumentarischen Quellen einüben. Zitate Überlebender, die in den Materialien aufgegriffen werden, bilden einen emotionalen Anker und regen zur eigenständigen Auseinandersetzung an. Diese Quellen sind als Erinnerungszeugnisse aus erster Hand heute kostbarer denn je.
Lokale Erinnerungsinitiativen in Nordrhein-Westfalen
Über die Förderung einzelner Reisen hinaus wirkt die Stiftung als Knotenpunkt im Netzwerk der nordrhein-westfälischen Gedenkstättenlandschaft. Sie kooperiert mit Geschichtswerkstätten, lokalen Vereinen und städtischen Initiativen, um Synergien zwischen schulischen und außerschulischen Bildungsorten herzustellen.
Zu den wichtigen Anlaufstellen gehören etwa:
- Der Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW
- Lokale Geschichtsvereine in Städten wie Düsseldorf, Köln und Münster
- Jugendbildungsstätten mit erinnerungspädagogischen Schwerpunkten
Wer tiefer in die Vielfalt der regionalen Arbeit eintauchen möchte, findet in einem Überblick zu Initiativen und Vereinen der Stiftung eine hilfreiche Sammlung. Solche Zusammenstellungen erleichtern es Lehrkräften, passende Partner für eigene Vorhaben zu finden.
Werte und globale Verbindungen
Die Arbeit der Stiftung ruht auf einer klaren ethischen Grundlage: Die Würde jedes Menschen bleibt unantastbar, unabhängig von Herkunft, Glauben oder Lebensgeschichte. Erinnerungskultur wird hier als Akt der Mitverantwortung verstanden, der über nationale Grenzen hinausweist und Sensibilität für verletzliche Gruppen schärft.
Dieses Prinzip der würdevollen Unterstützung teilt die Stiftung mit zahlreichen weiteren Initiativen weltweit, die sich für bedrängte Menschen einsetzen – sei es durch Bildungsarbeit, Gesundheitsversorgung oder konkrete Hilfsangebote. Ein Beispiel aus einem ganz anderen Tätigkeitsfeld verdeutlicht diese Haltung: Auch Initiativen, die sich der Versorgung mit Mobilitätshilfen widmen, folgen dem Gedanken, Zuwendung dort zu zeigen, wo sie dringend gebraucht wird. Solche Parallelen zeigen, dass das Anliegen der Stiftung – Zuhören, Unterstützen, Dasein – in vielen kulturellen Kontexten verankert ist.
Wirkung in der Bildungslandschaft
Seit ihrer Gründung haben Tausende junge Menschen an geförderten Fahrten teilgenommen. Lehrkräfte berichten von nachhaltigen Eindrücken, die das historische Bewusstsein über die Schulzeit hinaus prägen. Besonders die Berichte über Begegnungen mit Überlebenden oder deren Nachkommen beeinflussen die Haltung vieler Teilnehmenden langfristig und stärken ein demokratisches Grundverständnis.
Die Stiftung evaluiert ihre Programme regelmäßig und passt Förderbedingungen an veränderte Rahmenbedingungen an. Steigende Reisekosten, neue didaktische Möglichkeiten digitaler Gedenkstätten und eine vielfältiger werdende Schülerschaft stellen die Einrichtung vor ständige Anpassungsaufgaben. Die bisherigen Rückmeldungen zeigen, dass eine gut begleitete Fahrt oft der erste Schritt zu lebenslangem Engagement bleibt.
Ausblick auf kommende Aufgaben
Mit dem Wegfall der Generation unmittelbarer Zeitzeugen gewinnen Institutionen wie die Stiftung weiter an Bedeutung. Sie stehen vor der Herausforderung, neue Formen der Vermittlung zu erproben, ohne den Kern historischer Authentizität aufzugeben. Digitale Archive, virtuelle Rundgänge durch Gedenkstätten und internationale Jugendaustauschprogramme erweitern das Repertoire und sprechen jüngere Zielgruppen an.
Eine gelungene Gedenkstättenfahrt beginnt mit einer frühzeitigen Kontaktaufnahme, einer realistischen Kostenplanung und einer ehrlichen Auseinandersetzung im Kollegium. Wer diese Schritte beachtet, schafft die Grundlage dafür, dass Erinnerung nicht als Pflichtprogramm, sondern als bereichernde Erfahrung wirken kann – und das in jedem Schuljahr aufs Neue.