Sportvereine und Erinnerungskultur: Kooperationen gestalten
Sportvereine prägen das gesellschaftliche Leben vieler Kommunen. Sie schaffen Begegnungsräume, arbeiten mit Schulen zusammen und binden ehrenamtlich engagierte Menschen ein. Auch die Geschichte des eigenen Ortes lässt sich über die Vereine erschließen: Sport war im Nationalsozialismus nicht neutral, und frühere Vereinsmitglieder waren Verfolgung, Zwangsarbeit und Ausgrenzung ausgesetzt.
Die Stiftung Erinnern Ermöglichen unterstützt Schulen und Organisationen bei Bildungsreisen zu Holocaust-Gedenkstätten sowie zu ehemaligen Lagern und Mordstätten des Nationalsozialismus, besonders in Polen. Sie bietet Förderung, Planungsberatung und Kontakte zu erfahrenen Partnerinstitutionen. Gegründet wurde sie 2010 von der Bethe Foundation mit Unterstützung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen.
Warum Vereine Erinnerungskultur tragen können
Ein Verein kann die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht anderen überlassen. Vorstände, Trainerteams und Mitglieder kennen die Geschichte ihrer Stadt oft aus persönlicher und familiärer Perspektive. Diese Nähe schafft Glaubwürdigkeit: Eine Gedenkveranstaltung wirkt nicht wie eine Pflichtübung, sondern wie ein Zeichen gemeinsamer Verantwortung.
Sport verbindet zudem Menschen unterschiedlicher Herkunft und Generationen. Vereine können deshalb einen niedrigschwelligen Ort bieten, an dem über Migration, Diskriminierung und demokratische Grundwerte gesprochen wird. Erinnerungsarbeit hilft dabei, Gegenwart nicht von historischen Erfahrungen zu trennen, und bindet junge Menschen in eine breitere Zivilgesellschaft ein.
Gedenkstättenfahrten mit Jugendlichen gestalten
Für Spielerinnen und Spieler kann eine Reise zu einer Gedenkstätte ein prägender Teil ihrer Jugendarbeit werden. Sinnvoll ist ein mehrstufiges Programm aus Vorbereitung, Begegnung und Reflexion. Die jungen Teilnehmenden beschäftigen sich beforehand mit Biografien, örtlicher Geschichte und der Frage, wie Verfolgung in Alltag und Gemeinschaft hineinwirkte.
Vor Ort bietet die Zusammenarbeit mit Gedenkstätten, Bildungsarbeitern und Zeitzeugen Einblicke, die kein Unterricht allein vermitteln kann. Nach der Rückkehr folgen Gespräche im Verein, Ausstellungen oder schriftliche Arbeiten. So wird aus dem Besuch kein abgeschlossener Ausflug, sondern eine Erfahrung, die in Training, Schule und Vereinsleben weiterwirkt.
Kooperationen mit Schulen und Gedenkstätten vertiefen
Viele Schulen wünschen sich Unterstützung bei Gedenkstättenfahrten, verfügen aber über begrenzte Zeit- und Finanzbudgets. Sportvereine können hier helfen, etwa durch Sponsorbeiträge, Transportmittel oder die Begleitung durch ehrenamtlich geschulte Helferinnen und Helfer. Die Stiftung Erinnern Ermöglichen unterstützt die Organisation mit Beratung, Fördermöglichkeiten und Kontakten.
Dabei lassen sich unterschiedliche Blickwinkel verbinden. Die Geschichte des jüdischen Viertels Kazimierz in Krakau eröffnet konkrete Zugänge zum Leben vor der Verfolgung. Ein ausführlicher Besuch der Synagoge in Krakau kann mit der Geschichte des eigenen Vereins oder der Heimatstadt der Schülerinnen und Schüler verknüpft werden.
Gemeinsame Projekte sollten auf Gegenseitigkeit beruhen. Schulen bringen historisches Wissen und Kontinuität ein, Vereine ehrenamtliche Ressourcen und eine langfristige Bindung vor Ort. Gedenkstätten wiederum verfügen über spezifische Expertise. Wenn alle Beteiligten Planung und Finanzen gemeinsam verantworten, entstehen verlässliche Partnerschaften statt einzelner, kurzfristiger Aktionen.
Erinnerung im Vereinsleben öffentlich machen
Vereine können ihre Verantwortung im Stadion, in der Sporthalle oder bei Ligaspielen sichtbar machen. Borussia Dortmund hat mit dem Stadion der Erinnerung einen Ort geschaffen, der unter anderem an den überlebten Zwangsarbeiter Horst Kaes und an Verfolgung in Dortmund erinnert. Eine solche Gestaltung verbindet die Kontinuität des Fußballsports mit der regionalen Geschichte.
Ergänzende Anregungen für kulturelle Formate bietet das HARP-Forschungsprojekt. Lesungen, Ausstellungen oder künstlerische Beiträge können eine Gedenkveranstaltung vertiefen und unterschiedliche Zielgruppen erreichen. Entscheidend bleibt, dass das jeweilige Format zur Identität des Vereins passt und konkrete Fragen zu Verantwortung, Erinnerung und gesellschaftlichem Miteinander aufgreift.
Praktische Projektideen für die Vereinsarbeit
Die folgenden Formate verbinden Erinnerungsarbeit mit konkreten Lernzielen und überschaubaren Zuständigkeiten.
Für Schulen und Jugendgruppen
- Gedenkstättenfahrt mit Vorbereitung und gemeinsamer Auswertung
- Austausch mit Schülerinnen und Schülern aus Polen
- Zeitzeugengespräch mit anschließender Diskussion in der Mannschaft
- Training zu Rechtsextremismus und Ausgrenzung im Sport
Im laufenden Vereinsleben können ergänzend dauerhafte Strukturen entstehen:
- Gedenktafel oder jährliche Gedenkminute für Verfolgte
- Fortbildung für Trainerinnen, Trainer und Funktionäre
- Partnerschaft mit einer lokalen Erinnerungsinitiative
Der belastbare erste Schritt ist ein kleines Projekt mit klaren Lernzielen, benannten Zuständigkeiten und einer Auswertung, die die Erfahrungen in die nächste Vereinsarbeit überführt.